Pre-Enacting Space

Technische Medien sind Apparate, die außerhalb der menschlichen Wahrnehmung operieren, und zugleich Ereignisse außerhalb menschlicher Wahrnehmung und Erfahrung in dieselbe herüberholen (die Serienphotographien Mareys oder Muybridges sind berühmte, frühe Beispiele eines solchen ‚Optisch-Unbewussten‘, die 25 Bilder/Sekunde des digitalen Films seine wahrscheinlich alltäglichste Ausprägung). Der Raum der Medien ist, anders gesagt, ein ‚outer space’, der von eben einem ‚outer space’ kündet, der ohne die Medien, die ihn adressieren und konstituieren nicht wahrnehmbar wäre. In diesem Panel geht es um Erfahrungs- und Wahrnehmungsräume, die außerhalb der sie entwerfenden Techniken (zunächst) weder erfahrbar noch wahrnehmbar wären. Es geht um kommende Ereignisse und zukünftige Räume in outer space, die pre-enacted oder vor-gespielt werden. Sie liefern ‚impressions from a time yet to come and a place yet to be‘ (Sascha Pohflepp). Die Kunsthistorikerin, Theoretikerin und Kuratorin Eva Wilson und der Künstler, Designer und Schreiber Sascha Pohflepp berichten von technisch-ästhetische Gefügen, die vor Augen und Ohren führen, was Augen und Ohren verschlossen bleibt – von präskriptiven Notationssysteme (z.B der israelischen Tänzerin und Choreographin Noa Eshkol, die maßgeblich an der Entwicklung der amerikanischen ‚space-suits’ beteiligt war), künstlichen Räumen, simulierten Szenarien, zukünftigen Bildern und körperlichen Disziplinierungen, in denen vor-gestellt wird, was nach-gestellt werden soll und (noch) nicht dargestellt werden kann.

Speaker:

Eva Wilson  Space Man – Kybernetische Tänze für die NASA
1958 formulierte und formularisierte die israelische Tanzkomponistin und Wissenschaftlerin Noa Eshkol ein Notationssystem für Bewegung, dessen Novum im Zugrundelegen eines sphärischen und daher drehbaren Körpermodells bestand. Es handelte sich also wörtlich um eine Revolution eines Körperverständnisses, das schließlich Choreographen, Tänzern, aber auch Biologen, Psychologen oder Künstlern erlaubte, Bewegung schreibend zu konzipieren und lesend zu analysieren, losgelöst vom physiologischen Tänzerkörper. Das NASA-Raumfahrtprogramm adaptierte die Eshkol-Wachman Movement Notation (EWMN) in den 1960er Jahren zur Entwicklung von Raumanzügen. 1969 holte der Kybernetiker Heinz von Foerster Eshkol und ihre Dance Group aus dem israelischen Vorort Holon an das Biological Computer Laboratory (BCL) in Illinois, dem legendären Forschungslabor zu Systemtheorie und Bionik. Finanziert durch das US-amerikanische Militär sollte die EWMN ausgebaut werden zu einer Universalsprache zur Beschreibung von Bewegung, Körper und Raum, und damit zur Programmiersprache von selbstorganisierten kybernetischen Systemen (menschlich oder nicht-menschlich) avancieren. Thema des Vortrags soll die Idee einer universalen Kommunizierbarkeit eines entschieden nicht-kartesianischen Körper- und Raumkonzepts sein, die im Mittelpunkt einer vom Tanz in die Kybernetik übersetzten technischen und informatischen Utopie stand, und deren Vision in der Vorhersagbarkeit trivialer Systeme (etwa des menschlichen Körpers im outer space) und in der Erprobung nicht-trivialer Systeme kybernetischer Programme bestand.
Sascha Pohflepp  Antischwerkraftsport