Schicksal, Desaster / Unstern

Die Zukunft, so scheint es, steht seit jeher in den Sternen. Nachdem das Panel zu Kosmischen Konstellationen den unsicheren Kosmos des 21. Jahrhunderts in den Blick genommen hat, fragt das hiesige zunächst nach dem Schicksal und dem Desaster (oder zu deutsch: dem Unstern). Es knackt die altmodisch erscheinenden Begriffe auf und eröffnet eine Perspektive auf ihre rückgekoppelten und rück-wirkenden (und damit gänzlich zeitgenössischen) Potentiale. Wie in Terminator so explosiv vorgeführt und deutlich ausgesprochen: The future is not set! Unterwegs ins immer unabwendbar gewesen sein werdende Schicksal soll diskutiert werden, wie die Vorhersage der Zukunft radikal in die Verfertigung der selbigen eingreift – und wie die Gegenwart als Vergangenheit der Zukunft auf selbige hin verschoben wird. Ein Angriff der Zukunft auf die übrige Zeit? (Joseph Vogl) Oder eher der entwerfenden Gegenwart auf alle Zeit? Oder bewegen wir uns in Zirkularitäten und Rekursionen, die kurzerhand alle Zeit abschaffen? Aus solchen Zwischen-Räumen der Zeit dringt das Schicksal, wabern Gespenster, platzt das dejà-vu. It’s all Back to the Future.

Allerdings scheint es der Medien, der Künste und der Techniken zu bedürfen, um den linearen Zeitpfeilen der Thermodynamik ein zeitkritisches Schnippchen zu schlagen. Buchstaben, Worte, Archive, Bilder oder Dinge (man denke an Denkmäler oder Madeleines) entheben die Ereignisse der linearen Zeit und lassen sie disponibel werden: speicherbar, verarbeitbar, übertragbar. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit tauchen hierbei Kunst und Literatur als Orte auf, die mit einem radikal unsicheren Wissen operieren, das klassische Vorstellungen von Ursache und Wirkung, Möglichkeit und Wirklichkeit unterläuft. Jenseits der ‚Darstellung’ und ‚Verzeichnung’ von Wirklichkeit, die eine „Endlichkeit des Faktischen“ beschreibt, erscheint (so Hans Blumenberg) eine „Unendlichkeit des Möglichen“. Wirklichkeitsfragmente eröffnen in ihrer Rekombination einen Möglichkeitsraum, der dennoch (oder gerade) den Raum des Wirklichen nicht in Ruhe lässt, ihn beeinflusst, durchdringt, verändert. Die Wirklichkeit hat fiktive Anteile wie die Gegenwart zukünftige. Sie sind hochspekulativ und abstrakt – und doch gänzlich materiell und anwesend. Spekulativer Materialismus, der mit den Dingen der Wirklichkeit Räume wirklicher Möglichkeit entwirft.

Die Literaturwissenschaftlerin, Ästhetik- und Kunsttheoretikerin Alexandra Heimes, der Künstler und Autor Olaf Nicolai und der Schriftsteller Marcel Beyer stellen sich in Vorträgen und Gesprächen unheimlichen und unzeitgemäßen Fragen kosmischer Konstellationen, zirkulärer Zeitlichkeiten und möglicher Welten.

Speaker:

Alexandra Heimes  

Marcel Beyer  
test abstract
Olaf Nicolai  

Discussion:

Marcel Beyer  Alexandra Heimes  Olaf Nicolai