Unsichere Konstellationen

Bevor es am Nachmittag um klassischere kosmologische Vorstellungen von Schicksal und Desaster geht, würden wir von Anne Dippel und Lukas Mairhofer gerne wissen, wie unser heutiges kosmologisches Wissen verfasst ist – und welche Unsicherheiten es birgt. Unser heutiges Wissen vom Universum entsteht in gigantischen unterirdischen Teilchenbeschleunigern. Der Bekannteste, der ‚Large Hadron Collider’ oder ‚Große Hadronenspeicherring’ am Europäischen Kernforschungszentrum CERN, beweist feuilletonlesenden Laien nicht weniger als ‚Gottesteilchen’. Aber welche Götter tauchen eigentlich auf, wenn in riesigen Röhren Teilchen kollidieren, die kein Mensch je gesehen hat? Wie beobachtet man Unbeobachtbares?

Speaker:

Anne Dippel & Lukas Mairhofer  Beobachtung des Unbeobachtbaren - Interferenz oder Kollision
Die moderne Physik hat sich zusehends darauf verlegt, Unbeobachtbares zu beobachten. Dabei erfolgt der Zugriff stets nur indirekt - über Beobachtungsinstrumente, die versprechen, das Unbeobachtbare zu übersetzen in Sinnesdaten und Alltagserfahrung. Die Einlösung dieses Versprechens erweist sich als ausgesprochen prekär. Was verbürgt für die Realität der Objekte, von denen die PhysikerInnen nicht nur behaupten, dass sie existieren, sondern dass sie auch Zugriff darauf haben? Diese Frage spitzt sich dramatisch zu, denn die PhysikerInnen können sich nicht auf eine kohärente Beschreibung des beobachteten Unbeobachtbaren einigen. Im Gegenteil kommen Bilder zum Einsatz, die einander auszuschließen scheinen: Die Hochenergiephysik spricht von scharf lokalisierten, individuellen Teilchen, zwischen denen Leere gähnt. Der Zugriff auf diese Objekte erfolgt durch Kollisionen in Teilchenbeschleunigern wie dem Large Hadron Collider, die das Ausmaß mittlerer Fabriken haben. Die fundamentalen Entitäten der Quantenphysik hingegen sind Wellen, die den ganzen Raum erfüllen, einander überlagern und nicht unterschieden werden können. Den Wellencharakter ihrer Objekte weist die Quantenphysik durch Interferenzexperimente nach. Die Anthropologin Anne Dippel erforscht die Wissensproduktion des Unbeobachtbaren durch die TeilchenphysikerInnen am CERN, der Philosoph und Experimentalphysiker Lukas Mairhofer bringt große Moleküle ebenso zur Interferenz wie Geistes- und Naturwissenschaften. Gemeinsam wollen sie die epistemische Problemlage der Quantenphysik diskutieren.