Symposium

There are more things between heaven and earth, Horatio, Than are dreamt of in your philosophy.

Seward Kropf misquoting Hamlet (1.5.167-8) to Mortimer Walden

Das Denken und Wissen, so scheint es, ist dieser Tage unsicher geworden. Computeralgorithmen berechnen an der Börse im Millisekundentakt ungewisse ‚Futures’, die auf Grundlage voriger Ereignisse gegenwärtige Reaktionen auf unbestimmte Zukünfte ausrichten; die Synthetische Biologie nimmt statt der Wirklichkeit die Möglichkeiten des Lebens in den Blick und produziert ihre eigenen Untersuchungsgegenstände in Form biologischer Maschinen; die Physik sucht in hochkomplexen Apparaturen mathematisch angenommene „Gottesteilchen“, die kein Mensch je beweisen könnte; die Texte zeitgenössischer Theorieproduktionen spe- kulieren über die radikale Kontingenz der Wirklichkeit (Badiou, Meillasoux, Harman), interessieren sich für historisch variable Apparaturen und Modelle der Simulation (Pias, Engemann), des Entwurfs (Siegert, Krauthausen), des Zufalls (Campe), der Spekulation (Vogl) und des Experiments (Stengers, Latour, Rheinberger) sowie für unsichere Wissens- formen, die sich selbst nicht (oder noch nicht) wissen (Haverkamp, Menke). Die Zukunftsforschung sagt voraus, was wahrscheinlich passieren wird und sucht nach Lösungen für Probleme kommender Ökonomien und Öko- logien, derweil die Kunst eben solche kühl kalkulierenden, prognostischen Modelle und Funktionen kritisch übersteuert, um über die Grenzen einer Hochrechnung der Gegenwart hinaus Utopisches und Dystopisches zeigen zu können und das Critical Design (Anthony Dunne, Fiona Raby) spekulative Szenarien gestaltet, um mögliche, andere Welten zu verge- genwärtigen. Allerorten und in verschiedensten Disziplinen ereignet sich eine Aufwertung dessen, was sein (oder nicht sein) könnte oder würde, gegenüber und inmitten dem, was ist und wurde.

Knowing and thinking creates seams of precariousness. Knowing and thinking have become seemingly precarious. Knowing and thinking have become ______ , it seems

Tuhaded Gertrude, The Dead Ball Era

Die zeitgenössische Kunst, Wissenschaft und Technologie fundieren ihre Weltbilder und Wirklichkeitsentwürfe zunehmend auf einem merkwürdig vor-läufigen, nicht-festgestellten und rück-wirkenden Wissen. Ihre Techniken und Praktiken, Apparate, Modelle, Maschinen, Ästhetiken und Theorien entwerfen ein Denken, dass die Welt weniger in allgemeinen Gesetzen begründet und versteht, als in Konstellationen und Korrelationen vorhersagt und ihre Komplexitäten und Kontingenzen kalkuliert. Unser Forum möchte diese Konjunktur unsicheren (und dabei ebenso ver- trauten und allgegenwärtigen) Denkens und Wissens zum Anlass nehmen, nach den Arts, Sciences and Technologies zu fragen, die es produzieren und handhaben, her- und darstellen. Eine solche Visierung der Techniken, Praktiken und Ästhetiken des Wissens und Denkens erlaubt es, quer durch inter- und transdisziplinäre Konstellationen hindurch, nach den Besonderheiten und Gemeinsamkeiten, den Abzweigungen und Überkreuzungen zeitgenössischer Kunst und Wissenschaft zu fragen, ohne grundsätzliche Differenzen oder Komplizenschaften immer schon voraus- zusetzen. Konstellationen unsicheren Wissens erscheinen dabei nicht als ein Problem der Fehlerhaftigkeit, Unschärfe, Undeutlichkeit oder Ungenauigkeit; viel mehr geht es um spezifische Wissensformen, die gerade in der Funktionalität, Operationalität und Komplexität der Systeme, Prozesse und Modelle selbst auftauchen. Die gleichen Techniken und Praktiken, die einerseits eine allgemeine Berechenbarkeit, exakte Prognostik und umfassende Simulierbarkeit der Welt vorantreiben und versprechen, verunsichern andererseits grundlegende Zusammenhänge von Ursache und Wirkung, Gesetzmäßigkeit und Zufall, Wirklichkeit und Möglichkeit. Die Frage nach den Techniken unsicheren Denkens und Wissens in Kunst und Wissenschaft lässt so schließlich den Begriff des Technischen selbst verändert aufscheinen. Fern allen Determinismus geht es um die radikale Öffnung der ’techne’ auf ein Denken des Möglichen, Kontingenten und Spekulativen hin.

Wenn wir ein Szenario simuliert haben, und dann unser Handeln darauf ausrichten, dass dieses Szenario nicht eintritt, ist die ontologische und epistemologische Situation von Simulation ungeklärt. Ein Sturz in den fraktalen Abgrund.

Abraham Blinker, North to North-East

Hierzu wollen wir in mehrtägigen interdisziplinären Workshops (z.B. zu Mathematical Models in Contemporary Philosophy, Geosemantik & Radical Cartography oder Speculative Rocketry) und einem 3-tägigen Symposium diverse inter- und transdisziplinäre Konstellationen aus IngenieurInnen, KünstlerInnen, DesignerInnen, InformatikerInnen, Natur- Geistes- und KulturwissenschaftlerInnen, ZukunftsforscherInnen und anderen Hell- und SchwarzseherInnen bilden, die gemeinsam Wirklichkeiten und Möglichkeiten entwerfen und verwerfen, gegeneinanderstellen, aufeinander abbilden und auseinandernehmen. Angeschlossen an das Symposium präsentiert F-A-S-T im Rahmen einer Abschlusspräsentation und –ausstellung zudem Beiträge der TeilnehmerInnen, Gäste, Forschenden und Mitwirkenden des Projekts. Die Ausstellung umfasst Arbeiten, Fragmente und Prozesse, die den F-A-S-T- Kosmos abbilden und weiterdenken. Sie gibt Einblick in die einzelnen Projektarbeiten und stellt darüber hinaus die zeitgenössischen künstlerischen und wissenschaftlichen Positionen aus, die das Projekt formiert und informiert haben. Die enge Verknüpfung von Symposium, Präsentation und Ausstellung zielt darauf ab, einen Experimentalraum zu eröffnen, in dem aktuelle Diskurse, Praktiken und Techniken öffentlich aufeinandertreffen, um einen Einblick in die experimentelle Arbeit an den zeitgenössischen Möglichkeiten der Konstellation von Kunst, Wissenschaft und Technik im 21. Jahrhundert zu geben.